Cem Özdemir präsentiert einen klaren Kurs in Weil der Stadt.
Ausgerechnet am Rosenmontag kamen Cem Özdemir, Boris Palmer undRyyan Alshebl in die Narrenhochburg Weil der Stadt. An diesem Tag sind sämtliche größeren Hallen im Städtle schon belegt. So blieb uns nichts anderes übrig als in die Aula des Schulzentrums auszuweichen. Mit fast 300 Menschen im Saal und ungefähr 60 Menschen, die bei bitterer Kälte vor der Aula den zu diesem Zweck eingerichteten Livestream verfolgten, war die Informationsveranstaltung sehr gut besucht. Verständlich, dass auch einige sofort den Rückweg angetreten haben. Schade, aber es war vor der Großleinwand auch trotz süßem, warmen Punch nicht gemütlich.
Die Besucher haben ihr Kommen in keiner Sekunde bereut. Es war ein interessanter und auch humoriger Abend, durch den Jenny Mushegara charmant und souverän führte. Neben ihr nahmen die Herren in der Diskussionsrunde Platz. Bürgermeister Christian Walter überreichte nach seinem Grußwort Cem Özdemir eine Brezel mit Erdnussbutter. Auf diese Weise verbinde man kulinarisch das Schwobaländle und Kanada, so Walter. Der Hintergrund: beide Herren sind mit einer Kanadierin verheiratet. Cem Özdemir erst seit ein paar Tagen. Boris Palmer, Özdemirs Standesbeamter bei der Trauung am Valentinstag und bei den Grünen nicht ganz unumstrittener Oberbürgermeister von Tübingen, und Ryyan Alshebl, der als erster syrisch stämmiger Bürgermeister (Ostelsheim) in Deutschland bundesweit Schlagzeilen machte, berichteten aus ihrem Berufsalltag.
Immer wieder tauchte das Stichwort Bürokratie auf. Diese auf ein notwendiges Maß zu reduzieren, ist eines der Ziele von Cem Özdemir, sollte er Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden. Er kündigte außerdem ein „Regelbefreiungsgesetz“ und eine Beweislastumkehr im Bereich der Wirtschaft an. Berichtspflichten für Unternehmen und für Landesbeauftragte sollen ebenfalls entfallen, falls der Landtag sich nicht aktiv dafür entscheidet. Sehr gerne möchte Cem Özdemir die Verwaltungskultur in Baden-Württemberg ändern. Grundlage dafür sei ein deutliches Umdenken in den Behörden. Diese sollten ihr Urmisstrauen durch ein Urvertrauen in die Bürger ersetzen. Ebenfalls sehr klar und deutlich seine Worte zur Klimapolitik. Diese sei doch kein ureigenes Hobby von Bündnis 90/ Die Grünen. Vielmehr gehe es um das Fortbestehen des Planeten und um die Lebensgrundlage für die nächsten Generationen. Im Gegensatz zu den Verleugnern der menschengemachten Erderwärmung wie US-Präsident Trump und der AfD würden die Grünen Erkenntnisse und Forderungen von Naturwissenschaftlern ernst nehmen. Er bedauere sehr, dass das Thema „Klima“ bei den Bürgern nicht mehr so eine große Rolle spiele.
„Bei aller Kritik: Wir leben in einem fantastischen Land…Sind wir auch mal dankbar, dass wir in der Demokratie leben!“, so Özdemir weiter. Ryyan Alshebl konnte den Worten seines Parteifreundes nur beipflichten. Er erzählt, dass er, obwohl erst 32 Jahre alt, schon zwei Leben gehabt habe und dass er sehr wohl wisse, dass es einem sehr viel schlechter gehen könne. „Uns geht es doch richtig gut hier,“ sagt er und berichtet vom „Ostelsheimer Experiment“. Bei seiner Wahl zum Bürgermeister habe offenbar seine Erfahrung gezählt und nicht sein Hintergrund. Und genau das möchte Cem Özdemir an diesem Abend zeigen – nämlich das Migration viele gute Seiten hat. Den Grünen sei es nicht wichtig, woher jemand komme, sondern wohin jemand wolle.
Auf die Frage aus dem Publikum, die Grünen seien seit dem sogenannten „Heizungsgesetz“ bei vielen Bürgern die Vorschriftenpartei- was sich denn nun verändert habe. Cem Özdemir erwiderte, dass man viel Lehrgeld bezahlt und auch Fehler gemacht habe. Aber Habeck habe auch vieles richtig gemacht. Die Absatzzahlen bei den Wärmepumpen seien rasant ansteigend und die Handwerker verdienten sehr gut daran. Seine Kritik an der neuen Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche, die die Transformation infrage stellt, ist absolut nachvollziehbar: Damit bestraft man einzig und allein das deutsche Handwerk. Es war ein unterhaltsamer Abend. Keine Frage. Die Aufholjagd geht weiter. Und dass Cem Özdemir direkt vor und nach der Veranstaltung das Gespräch mit den Zuhörern gesucht hat, die vor der Aula 90 Minuten bei Kälte aushielten, kam sehr gut an.
Herzlichen Dank für das große Interesse.