Klar in der Sache, humorvoll im Ton – Michael Bloss MdEP

EU-Politiker Michael Bloss im Bürgertreff – europäische Perspektiven zu Energie, Klima und Mobilität mit Blick auf Deutschland

Der erfahrene Europapolitiker Michael Bloss war am 23. Juli 2026 auf Einladung des Ortsverbands Bündnis 90/Die Grünen zu Gast. Bei der lebhaften Diskussion zeigte er sich nahbar, humorvoll und kompetent in der Beantwortung der Bürgerfragen. Der Stuttgarter und Vater zweier Töchter pendelt regelmäßig mit dem Zug nach Brüssel, wo er u.a. für Industrie, Forschung und Energie des Europaparlaments für die Grünen/EFA-Fraktion tätig ist. Im Verlauf der Diskussion wurden zahlreiche Themenbereiche angesprochen.

Erneuerbare Energien und Netzausbau

Für Bloss sind Wirtschaft und Klimaschutz kein Gegensatz, sondern untrennbar miteinander verbunden: Der Ausbau erneuerbarer Energien senkt die Energiekosten für die Industrie und schafft bei uns Arbeitsplätze. Voraussetzung dafür sei ein beschleunigter Netzausbau in den Mitgliedstaaten. Aktuell werde dieser Ausbau in Deutschland jedoch gebremst, wodurch mehrere tausend Arbeitsplätze in diesem Sektor auf dem Spiel stünden.

Die geopolitische Lage zeige umso deutlicher, dass Europa unabhängig von Öl- und Gasimporten werden müsse. Diese Importe seien ein milliardenschweres Verlustgeschäft. Besser wäre es, die dafür aufgewendeten Mittel in die heimische Wirtschaft fließen zu lassen. Deshalb sei ein konsequenter Ausbau von erneuerbaren Energien und Netzkapazitäten notwendig.

Digitalisierung des Stromnetzes: Smart Meter

Auch beim Einbau intelligenter Stromzähler (Smart Meter) liegt Deutschland weit hinter anderen europäischen Ländern zurück. Dabei sind sie wichtig, um erneuerbaren Strom zeitnah zu seiner Erzeugung zu verbrauchen und zu integrieren. Von Smart Metern würden auch Verbraucherinnen und Verbraucher finanziell profitieren.

Ein wesentlicher Grund für den schleppenden Rollout ist laut Bloss die starke Fragmentierung des Marktes: In Deutschland gibt es rund 900 Netz- bzw. Messstellenbetreiber, die größtenteils eigene, isolierte Systeme betreiben. Hinzu kommen bürokratische Hemmnisse und komplizierte Zulassungsverfahren.

Ladeinfrastruktur und Elektromobilität

Das EU-Parlament setzt sich derzeit dafür ein, Genehmigungsverfahren für Energieinfrastruktur zu beschleunigen. Bloss führt hier etwa Schnellladesäulen für Elektroautos an, die heute schon ohne gesonderte Genehmigung errichtet werden können. E-Autos seien die Technologie der Zukunft: Sie sind nicht nur klimafreundlich, sondern haben auch weniger bewegliche Teile und sind dadurch wartungsärmer.
Europa müsse deshalb bei der Elektromobilität aufholen.

Biokraftstoffe seien dagegen weder für den Straßenverkehr noch für das Heizen eine Lösung: Der dafür nötige europäische Anbau in Monokulturen sei nicht sinnvoll. Er verbrauche zu viel Fläche und konkurriere mit Nahrungsmittelproduktion und Naturschutz . Es könnte so auch eine neue Importabhängigkeit entstehen, teils verbunden mit klimaschädlicher Regenwaldabholzung, wie eine Besucherin der Diskussion einwarf. Gerade die aktuelle Lage an der Straße von Hormus zeige, wie wichtig es sei, dass Europa im Energiesektor importunabhängig wird. Neue Abhängigkeiten durch Biokraftstoffe seien deshalb der falsche Weg, so Bloss. Stattdessen müsse Europa seine reichlich vorhandenen Wind- und Sonnenressourcen durch intelligente Rahmenbedingungen kostengünstig und versorgungssicher nutzbar machen.

Krise der deutschen Autoindustrie

Nach Einschätzung von Bloss sind vor allem unternehmerische Fehlentscheidungen für die Krise der deutschen Autoindustrie verantwortlich: Der chinesische Absatzmarkt, der zuvor einen Großteil der Gewinne generierte, sei eingebrochen. Zudem hätten die deutschen Hersteller die Umstellung auf Elektromobilität zu spät eingeleitet . In China würden inzwischen bessere und günstigere E-Autos gebaut. Vor allem bei der Batterietechnologie liege Europa mehrere Jahre hinter der chinesischen Entwicklung zurück.

Als möglichen Weg nach vorn nennt Bloss den Aufbau chinesischer Batteriefabriken in Europa als Joint Ventures, bei denen mindestens 51 Prozent der Anteile in europäischer Hand liegen. Dieses Modell kam zuvor in China selbst in umgekehrter Form bei Autofabriken zur Anwendung und trug zum Know-how-Transfer nach China bei.

Reform des EU-Emissionshandels und der Stromsteuer

Durch eine Reform des europäischen Emissionshandels könne die EU, nach Ansicht von Bloss, Wirtschaft und Energiesystem modernisieren und so klimagerechten Wohlstand in Europa schaffen.

Nach dem Willen der EU-Kommission solle Strom künftig nicht mehr höher besteuert werden als Gas. Aktuell wird dagegen Haushaltsstrom in Deutschland mehrfach stärker besteuert als Erdgas. Mit der geplanten Reform will die EU erreichen, dass die Nutzung von Strom – sowohl für Industrie als auch für Haushalte – gegenüber Erdgas günstiger und attraktiver wird, um so den CO2-Ausstoß zu senken.

„Millionen Europäerinnen und Europäer haben Angst vor der Stromrechnung. Das ist kein Zufall, das ist ein Geschäftsmodell. Es ist das Ergebnis von unserer Abhängigkeit von Öl und Gas. Und die FDP mag untergegangen sein, aber ich will den Satz von Christian Lindner retten: Die erneuerbaren Energien sind Freiheitsenergien. Sie schützen uns vor der Abhängigkeit von Putin, von Trump, von Kriegen. Die günstigste, die beste Energie ist die, die man selbst produziert. Dazu hat die EU‑Kommission heute gute Vorschläge gemacht: Stromsteuer runter für E-Autos und Wärmepumpen, es soll ganz einfach sein, Solar aufs eigene Dach zu packen, und Netzentgelte runter für lokal produzierten Windstrom. Aber in Berlin macht die Energieministerin Reiche das genaue Gegenteil bei jedem einzelnen Punkt. Reiches Credo ist: mehr Gas statt Sonne und Wind. Und das, meine Damen und Herren, das treibt die Energiepreise in die Höhe, und die Bürgerinnen und Bürger zahlen am Ende die Zeche. Mein Appell an die Bundesregierung: Die EU‑Kommission hat Ihnen heute Hausaufgaben gegeben. Sagen Sie nicht wieder, der Hund hat sie gefressen.“

Michael Bloss im Europaparlament am 10. März 2026 in Straßburg

Bedeutung der Europäischen Union

Abschließend betonte Bloss die Bedeutung der EU für ihre Mitgliedstaaten, etwa in der Wirtschaftspolitik: Nur gemeinsam habe Europa genügend Marktmacht, um sich gegenüber China zu behaupten.

Auf die Frage, wie er sich die europäische Wirtschaft in zehn Jahren vorstellt, antwortete Bloss: eine prosperierende Wirtschaft mit preiswerter Mobilität, deren Grundlage reichlich vorhandene und preiswerte elektrische Energie für alle Anwendungsbereiche bildet.

Nach der Veranstaltung waren sich die Besucher einig: Es war ein Abend mit einem Vollblutpolitiker, der gekonnt die Zusammenhänge zwischen europäischer Politik und ihren Folgen für Deutschland aufzeigte und dabei immer wieder interessante Perspektiven eröffnete.